"was uns antreibt"

Eine Ausstellung von Prof. Dr. M. Monika Niermann und Albert Radke

Wo?

Rathaus "Ludmillenhof" 

Samtgemeinde Sögel

49751 Sögel

 

Wann? 

07. November 2013 bis 10. Januar 2014 

Siehe auch "Pressespiegel"

Eröffnungsansprache

Von Gerd Gepp, Gymnasialdirektor a. D., Hümmlinggymnasium Sögel

Liebe Monika Niermann,

 

lieber Albert Radke,

 

meine Damen und Herrn.

 

Ich freue mich zur Eröffnung der Ausstellung der Werke zweier Künstler, die ich schon seit vielen Jahren kenne, und deren künstlerisches Schaffen ich bewundere, ein paar Worte zur Einführung zu sagen. Beide hatten mich darum gebeten und ich tue dies gerne.

 

Auf den ersten Blick und in einem ersten Eindruck mag es erstaunen zwei so verschiedene Künstler in einer Ausstellung zusammen zu bringen.   Aber ein Vergleich der hier ausgestellten Kunstwerke lässt bei beiden eine ähnliche künstlerische Absicht erkennen. Es lohnt sich also vergleichend die Bilder und Exponate zu betrachten.

 

Ein paar Hinweise will ich Ihnen hierzu geben und wenige Werke in der Kürze meiner Redezeit nennen. Alle anderen überlasse ich anschließend ihrer Neugierde und ihrer Entdeckerlust.

 

Während Monika Niermann die Malerin ist, die nebenbei auch bildhauerisch sich versucht hat, ist Albert Radke nicht einfach der Bildhauer, der auch gemalt hat. Nein, er ist eigentlich der ideale und sachkundige Holzschnitzer, der auf einer umfassenden handwerklichen Ausbildung hat aufbauen können.

 

In einem Vorgespräch zu meinen einführenden Worten, das ich vor Wochen mit Albert Radke geführt habe, hat er mir vieles über Holzschnitzarbeiten erklärt, z.B., dass Holz immer zu leben scheint, auch wenn das Stück, das zur künstlerischen Gestaltung ansteht, aus einem Baum stammt, der schon vor langer Zeit gefällt wurde.

 

Dass Holz immer mit dem Raum kommuniziert, in dem das geschnitzte Werk steht, und sei es nur in einer Wechselwirkung mit der Dampfdruckspannung, d.h. mit der Luftfeuchtigkeit im Raum.

 

Und dass ein Holzschnitzer mit seiner genauen Kenntnis, wie das zu bearbeitende Holz gewachsen ist, vermeiden kann, dass noch nach vielen Jahrzehnten Risse und Spaltungen im Schnitzwerk plötzlich entstehen.

 

Die hier ausgestellten Holzschnitzarbeiten von Albert Radke, die er vor wenigen Wochen als Leihgaben an die Gemeinde Sögel vermacht hat, wirken in ihrem ersten Eindruck fast archaisch. Sie scheinen in ihrer Kargheit wie aus einer weit zurück liegenden Zeit, wie aus den Tiefen der Zeit zu kommen. Sie sind schön, weil sie klar und einfach sind. Sie spiegeln das mühsame und entbehrungsreiche Leben der Menschen in früheren Zeiten in dieser Gegend, hier auf dem Hümmling, eindrucksvoll wider.

 

Ganz anders die vielen Bilder von Monika Niermann. Es sind Bilder einer Künstlerin, die gerne experimentiert, die ausprobiert, wie Farbe und Form zusammen passen können, wie beides sich auf angenehme, auf durchaus harmonische, zuweilen auch auf witzige oder schelmische Weise ergänzt. Ihre Bilder sind schön und überzeugend, andere in Form und Inhalt provozierend, nie vulgär oder gar abstoßend, immer des Betrachtens wert.

 

Kann Farbe die Freiheit der Formlosigkeit ertragen und nur Farbigkeit sein? Oder liegt das empfundene Ungenügen oder der erkennbare  Widerspruch nur im Auge des wahrnehmenden Betrachters? Solche und viele andere Fragen sind von der Künstlerin  durchaus gewollt.

 

Auf interessante Art vergleichbar sind die Bilder von Albert Radke. Ich greife zwei heraus, die Sie gleich bei einem Rundgang nicht nur ansehen, sondern durchaus betrachten sollten, zwei kleine Aquarelle. Das eine trägt den Titel: Notre Dame de Paris und das andere Opera am Place de la Concorde in Paris. Die Wirklichkeit beider Symbolgebäude von Paris ist klar erkennbar. Und über die Bildstrukturen hinweg grüne und gelbe Farbflecken wie zufällige Farbtupfer. Gerade die Formlosigkeit dieser grünen, gelben und blauen Farben gibt dem Bild eine Lebendigkeit, als wenn wir jetzt im Augenblick in Paris auf dem Place de la Concorde wirklich davor stünden.

 

Eine vergleichbare Lebendigkeit zieht sich durch alle Bilder von Monika Niermann. Es ist fast zu schade vor ihren Bildern zu stehen wie ein distanzierter Betrachter, der kritisch begutachtet. Ich lade Sie ein, ein zu tauchen in ihre Bilder, teilzuhaben an ihrer Lebendigkeit. Eine solche Methode, in die Bilder hinein zu steigen, in das Dargestellte sich zu versenken, habe ich in meinem Buch über Pablo Picasso ausführlich beschrieben, das ich vor zwei Jahren bei amazon veröffentlicht habe. Ich habe das Hineingehen in das im Bild Dargestellte ausprobiert  an Bildern von Pablo Picasso, aber auch an einem Bild von Peter Paul Rubens und an dem bekannten Bild von Edouard Manet: Le dejeuner sur L´herbe, das Frühstück im Grünen.

 

Sich Hineinfühlen in ein Bild, den distanzierenden Graben zwischen Betrachter und Bild überspringen,  möchte ich an dem Bild: donum vitae, Geschenk des Lebens von Monika Niermann aufzeigen. Das Bild wird scheinbar in zwei Teile getrennt. Dennoch lohnt es sich, langsam mit den Augen die lange, in jeder Phase geschwungene Linie nachzufahren. Nicht die fast fotografischen Darstellungen von Szenen aus einer Schwangerschaft machen dieses Bild bedeutungsvoll. Es ist der Wechsel der Farben von gelb-orange über violett-blau bis hin zu grün, und ihr kaum merklicher Übergang ineinander und zueinander, die so die seelische Befindlichkeit einer Schwangeren und deren Wechsel auszudrücken vermag.

 

Es ist die Überraschung über die erwünschte oder über eine unerwartete Schwangerschaft, über die spontan entstehenden Ängste und vielleicht auch übergroßen Befürchtungen, aber auch die Freude über das neu entstehende Leben. Form und Farbe gehen hierbei eine harmonische Vielfalt ein, die die Botschaft vermittelt, dass Freude die Angst und ihre Befürchtungen zu überwinden vermag.

 

Monika Niermann hat als Thema für diese Ausstellung gewählt: Was uns antreibt. Dieser Leitsatz beinhaltet nicht vordergründig die Frage:  In welcher persönlichen Verfassung war der Künstler, die Künstlerin, als sie dieses Bild, diese Collage schuf? Es geht um uns Betrachter:  Lassen wir uns erstaunen, verwundern, neugierig machen, wie dieses oder jenes Bild oder Kunstwerk auf uns wirkt!  Monika Niermann möchte uns Betrachter in die Entwicklung ihrer Gedanken und Ideen mit einbeziehen.

 

Ich greife ein Objekt heraus, das ich ihrer aktiven Neugierde überantworten möchte. Ein Kistenobjekt. Man muss als Betrachter für jedes Bild eine Klappe aufmachen, um erst dadurch überrascht zu werden. So ist zu sehen wie Eva im Paradies mit Bedacht und mit Sorgfalt einen besonders schönen Apfel vom Baum der Erkenntnis pflückt. Adam aber interessiert sich im Augenblick nicht für Äpfel, sondern nur für seinen apple Computer und ist nur mit sich und seiner Internet Maschine beschäftigt. Er will jetzt nicht die Erkenntnis, dass seine Frau ihm etwas auf liebvolle Art schenken möchte.

 

Unter dem Leitthema, was uns antreibt ist einerseits die Schönheit als Harmonie zu verstehen, etwas angenehm und schön zu finden. Aber warum soll ein Kunstwerk uns Betrachtern nicht auch Fragen stellen und uns umgekehrt auffordern selbst zu fragen? Ich weise hin auf die Collagen von Albert Radke mit den Titeln: Geldgier, Raubbau, Trennung, Spaltung. Einer besonderen Betrachtung wert ist sein Bild: Scheues Pferd mit den Farben rot-blau und gelb-grün. Beeindruckend daran ist das sichere  Empfinden des Künstlers für Farbe.

 

Voll bitterer Ironie ist das große Exponat von Monika Niermann,   das eigens für diese Ausstellung geschaffen wurde. Fünf verschiedene Schafsköpfe: ein Karakulschaf aus Tadschikistan, ein Mirenoschaf, eine Heidschnucke, ein europäisches Muflonschaf und ein ostfriesisches Milchschaf. Alle Schafe sehr verschieden, in ihrer Rasse und in einem fast individuellen Gesichtsausdruck. Über allen hängt drohend ein hochgeklappter Deckel, der heruntergefallen alle Schafe völlig gleich, nicht mehr unterscheidbar und blau aussehen macht, ein ultramarines Blau, die einzige Farbe in einer breiten Farbskala, die alle nur denkbaren Unterschiede verwischt und vollkommen gleich aussehen lässt.

 

Monika Niermann greift hier einerseits die Blauschafherde von Rainer Bonk und Bertamaria Reetz auf mit ihrer komischen Europaidee: Alle sind gleich – jeder ist wichtig. Blaue Schafe überall in Europa?  Auch damit lässt sich als Künstler gutes Geld verdienen. Die hier ausgestellte Collage greift wichtige gesellschaftliche Probleme auf: z.B.  Soziale Gerechtigkeit sei nur erreichbar, wenn alle Menschen gleich sind und nicht wie die deutlich unterscheidbaren Schafe alle gleichwertig. Oder: Bildungsgerechtigkeit könne nur erreicht werden, wenn die guten Schüler ausgebremst werden, damit die weniger guten Schüler auch  einmal gute Noten bekommen und am Ende die gleiche Leistung bringen.  Alle Schüler in die gleiche Schule, damit alle dasselbe lernen? 

 

Die Ironie dieser Collage liegt aber auch noch woanders. Der Rahmen, das Holzbrett mit seinen Klappen sind handwerklich meisterhaft, nämlich von einem Schreinermeister angefertigt worden. Nur die Bilder und die Idee stammen von Monika Niermann. Unter dem Deckmantel des ordentlichen und gediegenen Handwerks verbergen sich – es kann zeitweilig zugedeckt oder zugeklappt werden – verbergen sich große gesellschaftliche Widersprüche unserer Gegenwart.

 

Eigentlich müsste man die Künstlerin bitten, so wie Alber Radke seine Holzfiguren der Gemeinde leihweise auf unbestimmte Zeit überlassen hat, Vergleichbares mit dieser Collage zu tun, dass sie auf unbestimmte Zeit im Eingangsbereich des Rathauses stehen sollte, als ironischer Kontrast zu den blauen Schafen in der Ortsmitte von Sögel, auf dem Straßenkreisel natürlich.

 

Meine Damen und Herrn, ich darf Sie bitten und einladen die vielen Bilder und Collagen, vor allem auch alle die, die von mir jetzt nicht erwähnt wurden, im Einzelnen  zu betrachten.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.