Einführung zur Ausstellung "Un-Ruhe-Bilder"

von Gerd Gepp (Oberstudiendirektor a.D.) aus Sögel - 18. Okt. 2018

(Bilder: siehe nach dem Text)

Schon als sie eben hereingekommen sind in diese Galerie der neuesten Bilder von Monika Niermann, sind sie an zwei Bildern vorbeigegangen mit den Titeln Stadtflucht und Landflucht, die sie sicher nur flüchtig beachtet haben.  Neben einem der beiden Bilder hängen Stifte. Damit sollen sie, wenn sie mögen, den nackten Oberkörper des Mannes bemahlen. Bodypainting nennt man das, wenn die Farbe auf die Haut gemalt wird. Sie werden zu einem Entwurf herausgefordert.  

 

Dies ist aber nur die harmlose Form einer sich immer weiter ausbreitenden Unsitte, sich selbst irgendwo auf die Haut ein Tatoo stechen zu lassen. Ein Tatoo hat, auch wenn es noch so klein und bescheiden aussieht und der Träger noch so stolz darauf ist, weder etwas mit Ästhetik noch mit Kunst zu tun, es ist einfach Unsinn für die eigene Gesundheit. Auch wenn sie mir jetzt spontan massiv widersprechen möchten, will ich versuchen kurz und in zwei Sätzen nur zu erklären, warum  ich das meine.

 

Das eigentliche Problem tritt erst auf, wenn sie in 10 oder 20  oder in 30 und mehr Jahren versuchen wollen das wegzumachen, es zu renaturieren.  1,4 Millionen Menschen wollen sich das zur Zeit in Deutschland pro Jahr wegmachen lassen. Das makromolekulare Farbmolekül wird mit Laserstrahlen kleingeschnipselt. Diese Teile werden aber nicht abgesaugt, sondern wandern jetzt in der Unterhaut mit der Blutbahn durch den ganzen Körper, sammeln sich vorwiegend in der Leber und in der Niere, gelangen aber auch in alle anderen  Körperregionen. Sie können coenzymatisch wie ein Schlüssel Schloss Prinzip Krebs auslösen, besonders bei und durch  eine Schwächung des Immunsystems, nach einer Krankheit oder mit zunehmendem Alter. Ich erwarte, dass sie mir jetzt alle widersprechen oder protestieren. Es sollte zumindest jene Unruhe in unserem Denken entstehen, die Monika Niermann  als Thema ihrer Ausstellung gewählt hat; Un-Ruhe-Bilder. Wohlgemerkt es heißt nicht unruhige Bilder. Das wäre etwas anderes.
 
Ich will noch ein beunruhigendes Bild ihnen nennen: Wolfsgeschichten, hier im Nebenraum. 3 Wölfe.  Ein Gedankenexperiment: Fahren sie einmal mit ihrem Auto mit langsamer Geschwindigkeit auf einer Nebenstraße irgendwo im Emsland und schauen sie links und rechts zum Seitenfenster hinaus. Sie sehen nichts als eine unendlich weite und völlig leergeräumte Landschaft. Und die bieten wir dem Wolf, der sich verstecken und niederducken möchte als Lebensraum an?  Ist es nicht nur ein Frage ganz kurzer Zeit, bis einer der Wölfe herausfindet, in jeder braunen Mülltonne ist reichlich und genügend zu fressen, dass jeder Wolf dick und rund werden kann.

 

Welch ein Unfug den Wolf in unserer langweilig gewordenen Landschaft wieder anzusiedeln. Monika Niermann malt drei Wölfe, die auf den Betrachter zukommen mit gierigem Blick und triefenden Lefzen. Schauen sie mal genau hin. Im Hintergrund sehen sie Rotkäppchen und daneben andere Märchenfiguren. Das ist der Lebensraum für den Wolf und nicht das Emsland. Könnte es sein, dass einige in ihrer Kindheit ihrer Oma nicht richtig zugehört haben?


Ich hoffe, ich habe mit diesen beiden Beispielen, mit Tatoo und mit dem Wolf ihren Widerspruch, ihren stillen Protest herausgefordert; denn nichts anderes meint das Thema Un-Ruhe.  Monika Niermann malt dieses Thema sehr moderat, sehr viel zurückhaltender als ich das eben  mit meinen Worten plakativ und bewusst provozierend dargestellt habe.  Immer ist es die Schönheit, die uns auf den ersten Blick  ihre Bilder bewundern lässt.

 

Monika Niermann ist eine viel belesene Malerin, die viele Bilder der europäischen Malerei schon gesehen hat und auch die Malweise vieler bekannter und berühmter Maler studiert hat. Man könnte jetzt versuchen die vielen und unterschiedlichen Einflüsse in ihren Bildern zu suchen. Immer aber sind es eigene Bilder von Monika Niermann, die Anregungen und die  Motive anderer in  ihren eigenständigen Malstil wandelt. 

 

Aber darauf will ich jetzt nicht näher eingehen. Das können sie selbst, wenn sie wollen, untersuchen. Ich will in einem imaginären Rundgang zu einigen, wenigen Bildern ein paar Hinweise geben, keine Erklärungen. Damit würde ich sie in Ihrer ganz eigenständigen Betrachtungsweise festlegen.  Erklärungen sollen und müssen sie sich selbst suchen. Ich will einfach zu einigen Bildern einige Fragen stellen, die sie sich dann selbst beantworten können.

 

Ich beginne mit einem Bild, das ich für das Interessanteste halte, aber dieser Einschätzung müssen sie mir jetzt nicht folgen: 5 Minuten vor 12. Auf dem von mir ausgewählten Bild sehen wir Omas alte Wanduhr, die bei einer Haushaltsauflösung heutzutage meist weggeworfen wird. Dabei gibt es sicher Leute, die, wenn sie so etwas sehen, sagen, sowas suche ich schon lange. Omas goldene Wanduhr hat nicht einen Wert an sich, aus sich heraus. 

 

Jede Wertbedeutung,  die ein Ding hat, geben  wir ihnen selbst.  Hier auf diesem Bild steht eine goldene Uhr neben zwei Kreisen, einer aus Erde und einem kleinen Drahtzaun drum herum, wie ein frisch erworbenes Grundstück, um das ich als erstes einen Zaun mache, das gehört jetzt mir. Welche Beziehungen können wir aus diesen drei Teilen erspüren?  Benutzen wir hier einfach unser eigenes Empfindungsvermögen! Dieses Bild erinnert sehr an Josef Beuys, den großen Künstler im vergangenen Jahrhundert,  der immer wieder durch seine zum Teil provozierenden Installationen unser genormtes Wahrnehmungsvermögen infrage gestellt hat. 

 

Warum  würden sie die 3 Teile einzeln oder auch alle zusammen wegwerfen? Welchen Wert oder welchen Gedanken können sie in diesem Arrangement für sich selbst erkennen? Darunter ein Zitat von Jane Fonda, einer großen Schauspielerin, von der wir so etwas nicht erwartet hätten:  Wir gehen mit dieser Welt um als hätten wir noch eine im Kofferraum. Gewiss eine flapsige und doch aufrüttelnde Bemerkung. Warum dieses Zitat unter einem solchen Bild?  Ein anderes Bild. Hier in diesem Raum: wandlungsfähig.  Was ist auf diesem Bild wichtiger das Chamälion oder die rote Farbe quer durch das Gesicht eines jungen Mannes mit grimmigem Blick?  Wer oder was  wandelt sich hier?  Wer will sich hier neu erfinden?


Wer auf diesem Bild David Bowi wiedererkennen will, darf das ruhig tun. Das nächste Bild hier: Lebensläufe.  Wer dieses Bild anders sehen will, darf das gerne tun. Der Betrachter ist immer der Souverän des Bildes.  Wie setzt sich das Rot durch, die lebendigste aller Farben gegen das Schwarz, das ein Fehlen von Farbe ist?  Das was ist gegen das Nichtsein? Noch ein Bild in diesem Raum: Hahn.  Jeder, der von einem Bauernhof kommt, wird sagen, unser Hahn sieht schöner und stolzer aus. Hier aber sehen wir einen Farbencocktail, nicht einfach wie ausgeschüttet oder hingeworfen.  Wie können  bunte Farben lebendig wirken,  und was für eine Lebendigkeit sehen wir hier? Gehen wir in den nächsten Raum. Pferde im Gegenlicht.  

 

Oder sollte man sagen Pferde im Mondlicht. Das Mondlicht glänzt auf dem First, dem Rücken der Pferde. Ästhetisch interessant. Wirkt das Mondlicht als Gegenlicht nicht auch gespenstisch? Ein Stück weiter hinten im Raum: Exodus. Wenn wir als Betrachter einen etwas größeren Abstand zu diesem nicht kleinen Bild nehmen, sehen wir überwiegend gelbe Farbe als Wüstensand.  Gelb gilt psychologisch als die Farbe der Intelligenz  Meine Frage: Wie dicht müssen wir an dieses Bild herantreten, um die Schönheit dieses Bildes gegen das Entsetzen über die Not der Menschen zu tauschen? Probieren sie es einmal aus.

 

Daneben ein anderes Bild: Winterstille. Auf diesem in allen Teilen schönen Bild kann man die Kälte eines Wintertages sehen und gleichzeitig spüren. -Erhöht die gemalte Kälte die Schönheit dieses Bildes oder macht sie uns frieren? Ein Letztes, hier links: 5 kleine Bilde mit dem Titel Akt I – V Wir sehen hier Frauen von einer Frau als Akt gemalt. Wie würde ein Mann diese Frauen malen? Wie würde er sie anders malen? Aber meine entscheidende Frage lautet anders: Die gemalten Frauen haben keine erkennbaren Gesichter. Empfinden sie dies als sinnvoll oder als Nachteil?

 

Dies war ein kurzer imaginärer Rundgang durch diese Ausstellung. Diesmal nicht mit Erklärungen darüber, was wir sehen sollen, sondern mit Fragen, die jeder selbst beantworten kann. Als ich zur Vorbereitung meiner kurzen Einführung bei Monika Niermann zu Hause die Bilder angesehen habe, habe ich zum Schluss die Frage gestellt. Wenn du nur drei Bilder zu einer großen Ausstellung mitnehmen könntest um  sie dort zu zeigen, welche würdest du auswählen?  Ich will die Antwort jetzt nicht wiederholen, sondern an sie weiterreichen in der Formulierung:  Wählen sie bei ihrem Rundgang sich 3 oder auch nur 1 oder 2 Bilder aus, die sie genauer anschauen, um sie in ihrem Gedächtnis zu behalten  und so mit nach Hause zu nehmen.     

Un-Ruhe-Bilder